Zeit heilt nicht alle Wunden

Am 3. Oktober 2014, um 1:57 riss mich ein Anruf aus meinen ohnehin schon unruhigen Schlaf. Ich öffnete die Augen und dachte: „Ich spüre ihn nicht mehr. Er ist gegangen.“

Dann setzte ich mich auf den Bettrand, nahm das Handy und meldete mich mit einem gefassten „Hallo, Frau Doktor B.“. Am anderen Ende antwortete mir die diensthabende Ärztin der Intensivstation: „Frau S., Ihr Vater ist um 1 Uhr 57 sehr friedlich von uns gegangen. Sie können gerne mit Ihrer Familie sofort herkommen und sich verabschieden, wenn Sie das wünschen.“ Ich bedankte mich und sagte ihr zu, wir wären in spätestens einer halben Stunde alle da.

Zwischen Realität, Zweifel und Hoffnung

Vom ersten Spitalsaufenthalt bis zu Papas Tod waren es 5 Monate. Dieses 5 Monate waren in erster Linie ein Geschenk: Zeit. Was wir allerdings auch bekamen, war eine Achterbahnfahrt der Gefühle. Das Wissen über seinen Zustand und dass es über kurz oder lang nur eine einzige Antwort gibt, bis hin zur Hoffnung, dass alles gut und wie früher wird, obwohl man sich durchaus bewusst war, dass man sich nur selbst in die Tasche lügt. Ich trug den Tod mit mir herum wie einen Rucksack und doch klammerte ich mich jeden Tag an die Hoffnung, dass mein Papa mich vielleicht heute wieder aus seinen gutmütigen Augen voller Tatendrang ansieht und nicht mit diesem müden Blick, der alles sagte.

Ich habe mich meinem Vater zuliebe bei vielen Leuten unbeliebt gemacht. Und würde es immer und immer wieder tun.

Wir pokerten um Zeit und Lebensqualität – allerdings zu Regeln, die Papa gemeinsam mit dem Tod verhandelte. Spitäler waren ihm ein Graus. Er wollte so viel Zeit wie möglich zu Hause verbringen und ließ sich nur dann ins Spital einweisen, wenn es nicht mehr anders ging.

Er wusste, dass er in dieser Hinsicht voll und ganz auf mich zählen konnte. Ich sagte ihm schon beim ersten Spitalsaufenthalt: „Ein Wort von dir und ich hol dich nach Hause.“ Wie erwartet sprach er diesen Wunsch mehrmals aus und wie erwartet gab es immer irgendwen, der etwas dagegen hatte. Allen voran die Ärzte: „Sie sehen doch wie schlapp er ist… hier können wir ihm helfen, wenn ein akuter Notfall eintritt.. nur auf eigene Verantwortung“.

Ich habe diskutiert, gestritten und ein Mal sogar über den ganzen Gang geschrien: „Er will nach Hause, also behalten Sie ihn nur über MEINE Leiche hier!“.

Leben und „leben“

Auch innerhalb der Verwandtschaft gab es Vorwürfe. Wie ich das denn verantworten könne, ihn nach Hause zu holen…meinem Papa sogar dabei zu helfen, seinen Wünschen nachzukommen, das sieht doch ein Blinder, dass man ihn nur im Spital behandeln könne.

Behandeln? Mit welchem Ziel? Sein Leiden noch zu intensivieren, indem man ihn in dieser für ihn so schrecklichen Spitalsumgebung zurück lässt? Es gab genau drei Ärzte in all dieser Zeit, denen ich bis heute unendlich dankbar bin für ihre Unterstützung und einer davon sagte mir: „Es geht nur noch um Lebensqualität. Er will nach Hause? Ist auf seine Verantwortung und mit der Unterstützung Ihrer Familie okay. Er will ein Glas Wein? Geben Sie es ihm.“

Mein Vater gab mir so viel Liebe, so viele wunderbare Erinnerungen und Weisheiten auf meinen Weg mit, dass ich für ein ganzes Leben gerettet war. Es war an der Zeit, ihm meine Kraft zu geben und jeden Wunsch zu ermöglichen, den er hatte. Was die anderen Leute dachten, war mir dabei herzlich egal. Er wollte leben, so würdevoll wie möglich bis zum Schluss und nicht siechen. Deshalb verkürzte er diesen Leidensweg, den er gehen musste damit, dass er sich die Ärzte so gut es ging vom Leib hielt.

Der Tag, der alles veränderte

Wir haben vor dem 3. Oktober 2014 zwei Wochen zuhause verbracht. Zwei gute Wochen mit Gesprächen, mit Witzen, mit Lachen, mit Erinnerungen, die ich alle behutsam einwickelte und in mein Herz legte.

Am 1. Oktober kam er ins Spital, zuerst auf ein normales Zimmer. Am nächsten Tag wurde er schon auf die Intensivstation gebracht und ich wusste, dass es von hier keinen Weg mehr zurück gab. Jedes Mal, wenn ich mir einen dieser Plastik-Kittel überzog, die auf der Intensiv vorgeschrieben sind, fühlte ich mich, als würde jemand einen Kübel Traurigkeit über mir ausgießen und einen mit Schmerz gleich hinterher.

Wenige Stunden vor seinem Tod, verabschiedete ich mich noch in der Hoffnung ihn am nächsten Tag noch ein Mal zu sehen und gleichzeitig in dem Wissen, dass ich mich gerade selbst belog. Er hatte noch mit letzter Kraft jene 2 Lieder auf ein Blatt Papier gekritzelt, die er sich bei seiner Trauerfeier wünschte.

Willkommen im Niemandsland

Was ich fühlen sollte, wusste ich nicht mehr. Es war so dunkel um mich herum geworden, meine Welt fühlte sich so sinnlos an und ständig wurde ich von intensiven Emotionen überfahren: Angst, Traurigkeit, Wut, Reizbarkeit hoch Tausend, Apathie, Hysterie, dazwischen ein Lachen, weil ich mich an schöne Momente erinnerte und Scham (weil ich kurz Freude empfand).

Ich wusste nicht wohin mit mir, was ich fühlen soll, was richtig ist, was falsch ist, und helfen konnte mir sowieso nur jemand, der diesen Schmerz JETZT mit mir teilte, also alle, die Papa ebenfalls nahe standen, oder jemand, der schon wusste, wie sich dieser irrsinnige Zustand anfühlt, weil er ihn schon erlebt hat.

Schlafen, sofern ich es überhaupt konnte, war das Einzige, was ich anstrebte. Weil es die einzige Zeit war, in der ich nichts fühlen musste.

Dinge, die du nie wieder vergisst

Es gibt Erinnerungen, die kann mir keiner mehr nehmen. Gute wie schlechte. Ich werde die letzten Stunden vor seinem Tod nie vergessen. Es sind Bilder, die bis heute unvermittelt wieder hochkommen und mich noch genauso wie vor 2 Jahren ganz tief nach unten ziehen. Die letzten Stunden auf der Intensivstation, als er kaum noch sprechen konnte. Er, der 1,90 Meter große Mann, der immer so voller Selbstbewusstsein war und mit klarer, fester Stimme sprach.

Sein ganzer Anblick, der nichts mehr mit der kraftstrotzenden Person von früher zu tun hatte, weil sein Körper schon an der Schwelle zum Tod stand.

Der Moment, als er mit letzter Kraft die beiden Lieder für seine Trauerfeier auf einen Zettel schrieb und ich die Einzige war, die sie entziffern konnte und nur noch „Wir machen das Papa, ich weiß, was du meinst!“ schluchzte, während er mich so dankbar und erleichtert ansah.

Ich weiß noch, dass ich wenige Tage nach seinem Tod auf dem Pferd saß, als mich diese Bilder zum ersten Mal übermannten und dazu führten, dass ich das Gefühl hatte, die Kontrolle über mich zu verlieren, mich in eine Art Starre versetzten. Physisch war ich auf dem Pferd, psychisch ganz woanders und völlig unfähig wieder zurück zu kommen. Wie wunderbar diese Tiere sind, verdeutlichte sich mir an diesem Tag ein weiteres Mal. Obwohl ich keinerlei Anzeichen gab, dass er aufhören sollte zu traben, tat er dies. Erst fiel er sanft in den Schritt, dann blieb er vollends stehen und wartete darauf, dass ich wieder „zurück komme“.

Die Wahrheit ist: Trauer hört nie auf

Man kommt über den Verlust einer geliebten Person nicht einfach so hinweg, indem man die Zeit für sich arbeiten lässt bis man irgendwann wieder heil ist. Das funktioniert so einfach nicht.

Was aber sehr wohl passieren wird, sofern man alles, und ich meine wirklich alles, was man gerade fühlt und in den nächsten Wochen und Monaten fühlen wird, raus lässt: der größte Schmerz geht irgendwann vorbei, man lässt das Niemandsland hinter sich und findet wieder zu sich selbst.

Mit „alles raus lassen“ meine ich auch Freude, Sorglosigkeit und Lachen. Das ist nichts, wofür man sich schämen muss, weil man glaubt, man MUSS jetzt nur noch traurig sein für x Monate und darf keine Freude empfinden. Das ist Bullshit. Lachen gehört zum Heilungsprozess dazu wie Traurigkeit, Wut und was unsere Gefühlspalette sonst noch parat hat. Egal, ob man lacht oder im Büro vor versammelter Mannschaft in Tränen ausbricht: es ist normal, es ist menschlich, es ist ein Reinigungsprozess und es ist absolut nichts wofür man sich zu schämen braucht!

Trauer habe ich nie als einen Prozess gesehen, den man irgendwann abschließt. Ich vermisse meinen Vater heute noch in der selben Intensität wie am ersten Tag, wenn es zu bestimmten Situationen kommt – völlig egal, ob diese Situation von positiven oder negativen Emotionen geleitet ist. Ich wünsche ihn mir dann einfach her, weil ich ihm etwas erzählen will, dass nur er verstanden hätte und nur sein Rat für mich der richtige wäre, oder etwas passiert ist, über dass wir uns köstlichst amüsiert hätten. So bleiben meine Fragen unbeantwortet und gewisse Situation finde nur ich komisch. Aber dann stelle ich mir einfach vor, wie er am Küchentisch sitzt und vor lauter Lachen keine Luft mehr bekommt und es ist mir zumindest ein kleiner Trost, dass ich so eine lebendige Erinnerung habe.

Meine Trauer und „die anderen“

Es gibt unzählige Varianten an Reaktionen, wie außenstehende Menschen Trauernden begegnen oder wie sie sich auf Begräbnissen verhalten. Da gab es jene, die dachten, eine Whatsapp Nachricht genüge, um seine Anteilnahme zu zeigen, andere wollen wieder nicht auf das Begräbnis, weil sie es „mit Begräbnissen nicht so haben“.

Man sollte gar keine Energie darauf verschwenden, warum sie sich so verhalten. Die Antwort ist einfach: Angst. Der Tod ist Realität, greifbar und nicht nur Produkt einer Hollywood Inszenierung. Wie man mit solchen Leuten umgeht, muss auch jeder für sich selbst wissen. Damals habe ich für mich beschlossen: wer nichtmal so viel Anstand besitzt, um meinem Vater auf seinem letzten Weg Respekt zu zollen und uns Hinterbliebenen sein persönliches Beileid zu bekunden, der stirbt für mich gleich mit.

Dann gab es auch noch die Unbeholfenen. Sie wussten, dass ich leide, kannten diesen Schmerz aber (noch) nicht und versuchten auf ihre Weise da zu sein. Mir wollten manche Essen bringen, mich ins Kino einladen, mit mir Spaziergänge machen… ich verneinte alles, dachte mir: „Was soll das? Macht das meine Welt wieder heil? Nimmt es mir den Schmerz?“ Nein, nichts davon ändert irgendwas an der Situation, in der man gerade ist, aber die Intention dahinter ist eine gute, nur wissen viele nicht, dass es für manche Sachen einfach zu früh ist und ich selbst hatte zu dieser Zeit nur selten die Nerven, meine Meinung diplomatisch zu äußern.

„Ich weiß, was du fühlst“

Primär fand ich Liebe, Unterstützung und Halt bei meiner Familie und Freunden. Wir trugen alle den selben Schmerz in uns, aber in der ersten Zeit hatte ich auch ein starkes Bedürfnis mich mit Menschen außerhalb der Familie zu unterhalten, nur mit wem? Der Tod hat in unserer Gesellschaft keinen Platz, niemand redet gerne darüber. Ich wollte mit Menschen sprechen, die den gleichen Schmerz kennen, nicht den selben.

So habe ich unter all den Beileidsbekundungen neben dem typischen „Mein Beileid“ eben auch hin und wieder ein „Ich weiß, was du fühlst vernommen.“ Bei manchen schwang ein „Ich weiß, das ist schlimm für dich, ich habe auch schon jemanden verloren, reden wir aber bitte nicht weiter darüber“ mit.

Andere sagten „Ich weiß, was du fühlst“ und wussten, dass die Trigger, die deine Trauer auch an noch so guten Tagen mit einem Fingerschnippen wieder ganz nach oben holen, sogar im Supermarkt auf dich lauern und du plötzlich heulend vor dem Kühlregal stehst, weil du den Lieblingskäse deines Vaters vor dir siehst. Sie wussten, wie es sich anfühlt nicht genug Luft zu bekommen und beizeiten sogar überlegen, ob man über noch atmen MÖCHTE.

Diese Personen haben mich festgehalten, sie haben mich gestützt, mich getragen, tragen mich immer noch, wenn ich es brauche. Sie urteilen nicht, wenn ich mehr als 2 Jahre nach Papas Tod noch immer in Tränen ausbreche. Weil sie verstehen.

Dieser Beitrag enstand im Zuge der Aktion „Alle reden über Trauer“. Wenn du lesen möchtest, wie andere Blogger mit Trauer umgehen, findest du hier alle Beiträge aufgelistet und verlinkt:  http://in-lauter-trauer.de/alle-reden-ueber-trauer-2017

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